Wenn ein Verlust bleibt
Jemand fehlt. Vielleicht ist ein Mensch gestorben, den Sie geliebt haben. Vielleicht ist eine Beziehung zu Ende gegangen, eine Freundschaft zerbrochen oder ein Lebensentwurf weggefallen. Vielleicht haben Sie Ihre Gesundheit, Ihre Arbeit oder Ihre Heimat verloren. Die Welt geht weiter, und Sie stehen daneben und wissen nicht, wie Sie da wieder hineinkommen sollen.
Trauer ist eine natürliche Reaktion auf einen Verlust, der einem Menschen etwas bedeutet hat. Sie ist nicht automatisch eine psychische Störung. Und manchmal braucht diese Reaktion einen Raum, in dem sie sein darf.
Wie sich Trauer zeigen kann
Die ersten Wochen nach dem Abschied haben Sie irgendwie überstanden, und jetzt, wo andere wieder zur Normalität zurückkehren, wird es für Sie vielleicht schwerer statt leichter.
Sie funktionieren im Alltag, aber innerlich fühlt sich alles stumpf an. Oder das Gegenteil: Der Schmerz kommt in Wellen, an der Kassa, im Auto, mitten in einem Gespräch, und Sie wissen nie, wann die nächste kommt.
Menschen um Sie herum sagen gut gemeinte Sätze, dass die Zeit alle Wunden heile oder dass es irgendwann auch wieder gut sein müsse. Sie nicken und fühlen sich danach vielleicht noch einsamer als vorher.
Der Verlust liegt schon lange zurück und ist trotzdem noch spürbar. Sie fragen sich, ob mit Ihnen etwas nicht stimmt oder ob Sie nicht längst „weiter“ sein müssten.
Vielleicht trauern Sie um etwas, das andere nicht als großen Verlust wahrnehmen: eine Trennung, einen Schwangerschaftsverlust, ein Tier, eine Freundschaft oder eine Zukunft, die nicht eingetreten ist. Sie haben das Gefühl, kein Recht auf diese Trauer zu haben.
Neben der Traurigkeit können auch Wut, Schuldgefühle, Erleichterung, Sehnsucht oder sogar Momente von Freude da sein. Manche dieser Gefühle widersprechen einander scheinbar. Auch das kann Teil eines Trauerprozesses sein.
Was Trauer mit uns machen kann
Trauer ist nicht nur Traurigkeit. Nach einem bedeutsamen Verlust muss sich vieles neu ordnen, weil ein Teil der vertrauten Welt nicht mehr da ist.
Wer oder was uns wichtig war, kann mit dazu beigetragen haben, dass wir uns in dieser Welt sicher fühlen, dass wir unser Leben mögen oder dass wir wissen, wer wir sind. Wenn eine solche Beziehung, Aufgabe oder Lebenssituation wegfällt, wird deshalb nicht nur ein Platz leer. Manchmal verändert sich auch das eigene Verhältnis zum Leben.
Aus existenzanalytischer Sicht können bei einem Verlust unterschiedliche Grundbereiche berührt sein: Halt und Sicherheit, die Beziehung zum Leben, das eigene Selbstverständnis und die Frage, was jetzt noch trägt oder wofür es weiterzugehen lohnt.
Deshalb verläuft Trauer sehr individuell.
Bekannte Modelle beschreiben verschiedene Phasen oder Aufgaben des Trauerns. Sie können eine Orientierung geben, sind aber kein Ablaufplan. Trauer verläuft nicht zuverlässig in einer bestimmten Reihenfolge. Gefühle können sich abwechseln, wiederkehren oder lange Zeit nebeneinander bestehen.
Manche Menschen brauchen Gespräche und Erinnerungen an den verstorbenen oder verlorenen Menschen. Andere suchen Bewegung oder Stille. Rituale können hilfreich sein, müssen es aber nicht. Auch die Intensität und Dauer von Trauer unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.
Es gibt deshalb keinen festgelegten Zeitpunkt, an dem ein Verlust „vorbei“ sein müsste.
Wenn Trauer wenig Raum bekommt
Schwer kann es werden, wenn Trauer im eigenen Leben kaum Platz findet.
Vielleicht müssen Sie unmittelbar nach einem Verlust funktionieren, sich um andere kümmern oder organisatorische Dinge erledigen. Vielleicht wird Ihr Verlust von anderen nicht verstanden oder anerkannt. Vielleicht gibt es Gefühle, für die Sie sich schämen und über die Sie deshalb mit niemandem sprechen.
Trauer kann dadurch zusätzlich belastend werden. Gefühle und Erinnerungen können auch später wieder stärker in den Vordergrund treten, etwa an Jahrestagen, bei Veränderungen oder in Lebensphasen, in denen der Verlust erneut eine Bedeutung bekommt.
Das bedeutet nicht, dass Trauer „falsch verarbeitet“ wurde. Trauer kann sich im Laufe des Lebens verändern und zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich spürbar sein.
Wenn Sie jedoch über längere Zeit das Gefühl haben, kaum noch am Leben teilnehmen zu können, kann eine fachliche Einschätzung sinnvoll sein.
Wie wir gemeinsam daran arbeiten können
Ich nehme Ihnen die Trauer nicht ab, und ich versuche auch nicht, sie zu beschleunigen. Beides würde dem Verlust nicht gerecht sein. Was ich Ihnen anbieten kann, ist ein geschützter Raum, in dem Ihr Verlust mit allem, was dazugehört, vorkommen darf: mit Traurigkeit und Wut, mit Schuldgefühlen und Erleichterung, mit schönen Erinnerungen und mit dem, was unerledigt geblieben ist. Gemeinsam können wir anschauen, was Sie verloren haben. Das klingt zunächst einfach, ist es aber oft nicht.
Mit dem Verlust eines Menschen können viele weitere Verluste verbunden sein: eine vertraute Rolle, gemeinsame Gewohnheiten, ein Mensch, der die eigene Geschichte kannte, eine Zukunft, die gemeinsam gedacht war. Diese verschiedenen Seiten eines Verlustes zu benennen, macht die Trauer nicht kleiner. Es kann aber helfen, besser zu verstehen, was gerade so schmerzt.
Wir können auch darauf schauen, was bleibt. Nicht als schnellen Trost, sondern als Teil Ihrer Geschichte. Was hat dieser Mensch, diese Beziehung oder dieser Lebensabschnitt in Ihnen hinterlassen? Was davon gehört weiterhin zu Ihnen?
Und wir können der Frage Raum geben, wie Sie mit dem Verlust weiterleben können. Dabei muss es nicht darum gehen, etwas möglichst schnell „loszulassen“ oder vollständig hinter sich zu lassen. Ein wichtiger Mensch oder ein bedeutsamer Lebensabschnitt können innerlich verbunden bleiben und trotzdem kann sich das eigene Leben weiterentwickeln.
Manchmal geht es in einer Stunde vor allem darum, dass jemand zuhört, ohne zu beschwichtigen. Manchmal können Gefühle Raum bekommen, die im Alltag kaum Platz finden. Und manchmal entsteht die Frage, was nach dem Verlust noch trägt und wie ein Leben aussehen kann, in dem beides vorkommen darf: das, was verloren wurde, und das, was neu entstehen kann. Das Tempo bestimmen Sie.
Wie ein erstes Gespräch ablaufen kann
Sie können sich über das Kontaktformular oder telefonisch bei mir melden. Gemeinsam vereinbaren wir einen Termin für ein Erstgespräch in meiner Praxis. Dort lernen wir einander kennen. Sie können erzählen, was Sie beschäftigt, so viel oder so wenig, wie Sie möchten. Wir schauen gemeinsam, ob meine Arbeitsweise zu Ihrem Anliegen passt und wie eine Begleitung aussehen könnte. Wenn Sie danach weitermachen möchten, können wir einen Rhythmus vereinbaren, der für Sie passend ist.
Alle Details zu Ablauf, Honorar und Rahmen finden Sie auf der Kontaktseite.
Häufige Fragen
Wann kann es sinnvoll sein, wegen Trauer in Psychotherapie zu gehen?
Psychotherapie kann sinnvoll sein, wenn die Trauer Sie über längere Zeit stark belastet, wenn Sie das Gefühl haben, mit niemandem darüber sprechen zu können oder wenn Sie sich zunehmend aus Ihrem Leben zurückziehen. Auch Schlafprobleme, anhaltende Erschöpfung, starke Schuldgefühle, Ängste oder depressive Beschwerden können ein Anlass sein, sich Unterstützung zu holen.
Sie müssen jedoch nicht warten, bis Ihre Trauer besonders schwer oder bereits zu einer psychischen Störung geworden ist. Auch wenn Sie einfach einen geschützten Ort brauchen, an dem Ihr Verlust Raum bekommen kann, können Sie sich melden.
Ist Trauer eine psychische Störung?
Trauer selbst ist keine psychische Störung. Sie ist eine natürliche Reaktion auf einen bedeutsamen Verlust. Trauer kann intensiv sein, lange dauern und in Wellen wiederkehren, ohne deshalb krankhaft zu sein.
Bei einem kleinen Teil der Trauernden kann sich jedoch eine anhaltende Trauerstörung entwickeln. Dabei bestehen nach dem Tod eines nahestehenden Menschen über einen längeren Zeitraum ausgeprägte Beschwerden, die deutlich über die kulturell und persönlich erwartbare Trauer hinausgehen und das Leben erheblich beeinträchtigen.
Auch Depressionen, Angststörungen oder andere psychische Belastungen können im Zusammenhang mit einem Verlust auftreten. Ob eine psychische Störung vorliegt, lässt sich im Rahmen einer fachlichen Diagnostik klären.
Was ist der Unterschied zwischen Trauerbegleitung und Psychotherapie?
Trauerbegleitung wird in Österreich unter anderem von Hospizorganisationen, Beratungsstellen, kirchlichen Einrichtungen und speziell ausgebildeten Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleitern angeboten. Viele Angebote werden von qualifizierten ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen. Für viele Menschen kann eine solche Begleitung genau die Unterstützung sein, die sie nach dem Tod eines nahestehenden Menschen brauchen.
Psychotherapie ist dagegen eine gesetzlich geregelte professionelle Behandlung. Sie kann insbesondere dann sinnvoll sein, wenn die Trauer mit weiteren psychischen Belastungen verbunden ist, wenn frühere Erfahrungen berührt werden, starke Schuldgefühle oder Ängste auftreten oder wenn sich die Frage stellt, wie das eigene Leben nach dem Verlust weitergehen kann.
Trauerbegleitung und Psychotherapie schließen einander nicht aus. Je nach Situation können sie sich auch ergänzen.
Wie lange dauert eine Begleitung bei Trauer?
Das lässt sich vorab nicht seriös festlegen. Manche Menschen kommen für einige Gespräche, andere möchten über einen längeren Zeitraum begleitet werden. Wie lange eine Psychotherapie für Sie sinnvoll ist, hängt von Ihrem Anliegen, Ihrer persönlichen Situation und dem Verlauf ab. Wir können regelmäßig gemeinsam anschauen, ob die Arbeit für Sie weiterhin stimmig und hilfreich ist.
Ich trauere um etwas, das andere nicht als Verlust anerkennen. Ist das ein Thema für Sie?
Ja. Trauer kann nicht nur nach dem Tod eines Menschen entstehen. Auch eine Trennung, der Verlust einer Schwangerschaft, einer Freundschaft, der Gesundheit, der Arbeit, der Heimat oder einer erhofften Zukunft kann einen tiefen Einschnitt bedeuten. Wie bedeutsam ein Verlust für Sie ist, entscheidet sich nicht daran, wie andere Menschen ihn bewerten.
Wenn Sie jetzt rasch Hilfe brauchen
Meine Praxis ist kein Akut- oder Notfalldienst. Wenn der Schmerz so stark wird, dass Sie sich selbst nicht mehr sicher fühlen, wenn Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, oder wenn Sie sich in einer akuten psychischen Krise befinden, wenden Sie sich bitte unmittelbar an einen Krisen- oder Notfalldienst.
Die aktuellen Notfallnummern und Anlaufstellen in Wien finden Sie auf der Kontaktseite.
Mag. (FH) Andrea Gärner, Psychotherapeutin in Fachausbildung unter Lehrsupervision. Existenzanalyse nach Alfried Längle. Mehr über mich und meine Arbeitsweise können Sie auf der Seite Über mich lesen.