Wenn Sie sich einsam fühlen, auch unter Menschen
Vielleicht sind Menschen um Sie herum. Kolleginnen und Kollegen, eine Familie, Bekannte, mit denen Sie sich ab und zu treffen. Und trotzdem bleibt ein Gefühl, dass niemand wirklich weiß, wie es Ihnen geht. Sie erzählen, aber es kommt nichts zurück, das Sie berührt. Sie sind in Gesellschaft und fühlen sich „allein“.
Einsamkeit hängt nicht allein von der Zahl der Kontakte ab. Sie beschreibt das schmerzhafte Erleben, dass die vorhandenen Beziehungen und die gewünschte Nähe oder Verbundenheit nicht übereinstimmen. Sie können sich einsam fühlen, wenn Ihnen Nähe fehlt, wenn Sie sich nicht gesehen oder verstanden fühlen oder wenn Sie mit dem, was Sie beschäftigt, bei niemandem wirklich ankommen.
Und Einsamkeit ist nichts, wofür Sie sich schämen müssten. Viele Menschen kennen dieses Gefühl, sprechen aber nicht darüber, weil es sich wie ein persönliches Versagen anfühlen kann. Das ist es nicht.
Wie sich Einsamkeit zeigen kann
Sie sitzen am Abend zu Hause, das Handy liegt neben Ihnen, und Sie wissen nicht, wen Sie anrufen könnten, ohne sich aufzudrängen. Oder Sie sind auf einer Feier, lachen mit, und auf dem Heimweg fühlen Sie sich leerer als vorher. In der Partnerschaft reden Sie über Einkäufe und Termine, aber nicht mehr über das, was Sie bewegt.
Nach einer Trennung ist die Wohnung plötzlich still, und die Stille wird mit jeder Woche lauter. Sie sind in eine neue Stadt gezogen, haben einen neuen Job, ein Kind bekommen oder sind in Pension gegangen, und die bisherigen Verbindungen tragen nicht mehr wie zuvor. Oder Sie merken, dass Sie sich seit Monaten zurückziehen, Einladungen absagen und gleichzeitig darunter leiden, dass immer weniger kommen.
Was ist der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?
Alleinsein ist zunächst ein Zustand. Sie sind gerade mit niemandem zusammen. Das kann erholsam sein, gewählt und manchmal sogar notwendig.
Einsamkeit ist dagegen ein subjektives Gefühl. Sie entsteht, wenn die sozialen Beziehungen, die ein Mensch erlebt, nicht den Beziehungen entsprechen, die er sich wünscht oder braucht. Es fehlt an Verbundenheit, Nähe oder dem Gefühl, für jemanden wichtig zu sein.
Deshalb können Sie allein sein, ohne einsam zu sein. Und Sie können sich mitten unter Menschen einsam fühlen, in einer Beziehung, in einer Familie oder in einem vollen Büro.
Manchmal fehlen tatsächlich soziale Kontakte. Dann kann auch von sozialer Isolation gesprochen werden. Manchmal sind Menschen vorhanden, aber die gewünschte emotionale Nähe fehlt. Diese Form von Einsamkeit ist von außen oft kaum zu erkennen.
Wann tritt Einsamkeit auf?
Einsamkeit kann in jedem Lebensalter auftreten, bei jungen Menschen ebenso wie im höheren Alter. Sie ist keine psychische Störung. Wenn sie jedoch über längere Zeit anhält, kann sie das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen und mit gesundheitlichen Belastungen verbunden sein.
Was kann hinter Einsamkeit stehen?
In der Existenzanalyse gehören Beziehung und Verbundenheit zu den Grundbedingungen eines erfüllten Lebens. Alfried Längle beschreibt vier Grundmotivationen. Die zweite beschäftigt sich mit der Frage: Mag ich leben? Sie hat mit Beziehung, Nähe, Zeit und Zuwendung zu tun. Damit, sich Wertvollem zuwenden zu können und sich vom Leben berühren zu lassen.
Fehlen Nähe und Verbundenheit über längere Zeit, kann sich das Leben zunehmend leer oder wenig lebendig anfühlen. Es geht weiter, aber die Beziehung zum eigenen Leben kann an Lebendigkeit verlieren.
Einsamkeit entsteht selten aus einem einzigen Grund. Manchmal steht am Anfang ein Verlust, etwa eine Trennung, ein Todesfall, ein Umzug oder der Beginn der Pension. Manchmal verändern sich Beziehungen schleichend oder es fehlen Gelegenheiten für Begegnung.
Auch frühere Beziehungserfahrungen können beeinflussen, wie leicht es einem Menschen fällt, Vertrauen aufzubauen, Nähe zuzulassen oder eigene Bedürfnisse in Beziehungen zu zeigen. Wer wiederholt Enttäuschung oder Verletzung erlebt hat, kann sich beispielsweise stärker schützen und zurückziehen, obwohl gleichzeitig der Wunsch nach Nähe vorhanden ist.
Manchmal ist das Leben so voll mit Verpflichtungen, dass für wirkliche Begegnung kaum Zeit bleibt. Und manchmal geht Einsamkeit mit dem Gefühl einher, auch den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen verloren zu haben.
Wenn Einsamkeit länger anhält
Länger anhaltende Einsamkeit ist nicht nur emotional belastend. Forschung zeigt Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und verschiedenen Bereichen der psychischen und körperlichen Gesundheit. Dazu gehören unter anderem ein erhöhtes Risiko für depressive und Angstsymptome sowie für bestimmte körperliche Erkrankungen.
Auch Schlaf, Energie und allgemeines Wohlbefinden können beeinträchtigt sein. Solche Beschwerden können jedoch viele verschiedene Ursachen haben. Wenn körperliche Symptome neu auftreten, stark ausgeprägt sind oder über längere Zeit bestehen, sollten sie deshalb ärztlich abgeklärt werden.
Wie hängen Einsamkeit und Beziehungen zusammen?
Nähe und Distanz sind kein Widerspruch. Menschen brauchen beides, allerdings in unterschiedlichem Maß. Schwierig kann es werden, wenn sich in Beziehungen immer wieder Muster zeigen, unter denen Sie leiden.
Manche Menschen richten sich stark nach anderen und verlieren dabei die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick. Andere halten Nähe eher auf Abstand, um sich vor möglichen Verletzungen zu schützen. Beides kann dazu führen, dass die gewünschte Verbundenheit nicht entsteht.
Manchmal wiederholen sich solche Erfahrungen in verschiedenen Beziehungen. Sie merken vielleicht, dass etwas immer wieder ähnlich abläuft, ohne genau zu verstehen, warum.
Bindung beschreibt unter anderem die Erfahrung, ob andere Menschen als verlässlich und verfügbar erlebt werden und ob Nähe Sicherheit geben kann. Frühere Beziehungserfahrungen können beeinflussen, wie wir später Vertrauen, Nähe und Distanz erleben. Diese Muster sind jedoch nicht unveränderlich.
In der Therapie schauen wir darauf, wie Sie Nähe erleben, wann Sie sich zurückziehen, was Sie in Beziehungen brauchen und was es Ihnen möglicherweise erschwert, diese Bedürfnisse auszudrücken. Nicht, um Sie zu einem bestimmten Verhalten zu bringen, sondern damit Sie Ihre eigenen Muster besser verstehen und mehr Möglichkeiten im Umgang damit entwickeln können.
Wie arbeiten wir gemeinsam daran?
Am Anfang steht das Verstehen. Was genau fehlt Ihnen? Ist es das Gespräch, die Berührung, das Gefühl von Verbundenheit oder das Erleben, für jemanden wichtig zu sein? Seit wann ist es so, und was war davor anders? Denn Einsamkeit ist ein Gefühl, das etwas über die eigene Situation und die eigenen Bedürfnisse mitteilen kann. Wir nehmen es ernst, statt zu versuchen, es möglichst schnell wegzumachen.
Dann schauen wir gemeinsam auf Ihre Beziehungen. Auf die, die es gibt, und auf die, die fehlen. Auf das, was Sie sich wünschen, und auf das, was Sie sich zutrauen. Dabei kann sich zeigen, dass Einsamkeit nicht nur mit anderen Menschen zu tun hat, sondern auch damit, wie Sie sich selbst und Ihre eigenen Bedürfnisse erleben.
Wer sich selbst wenig Raum gibt oder die eigenen Gefühle und Bedürfnisse nur schwer wahrnehmen kann, dem kann es auch schwerer fallen, sich anderen damit zu zeigen. Hier setzt die existenzanalytische Arbeit an: beim eigenen Erleben, beim Selbstwert und bei der Frage, wie Sie sich selbst und anderen begegnen.
Ich arbeite dabei nicht mit einem starren Programm oder einer allgemeinen Liste von Tipps, wie Sie Einsamkeit in wenigen Schritten überwinden sollen. Konkrete Veränderungen können wichtig sein, etwa wieder Kontakt aufzunehmen, Begegnungen zu ermöglichen oder bestehende Beziehungen anders zu gestalten. Welche Schritte für Sie sinnvoll sind, hängt jedoch von Ihrer persönlichen Situation ab.
Auch die therapeutische Beziehung selbst bietet einen Raum, in dem Sie mit dem, was Sie beschäftigt, gehört und ernst genommen werden. Daraus kann ein besseres Verständnis dafür entstehen, was Sie in Beziehungen brauchen und wie Sie damit umgehen möchten.
Welche Schritte Sie im Alltag gehen, entscheiden Sie.
Wie läuft ein erstes Gespräch ab?
Sie melden sich über das Kontaktformular oder telefonisch. Wir vereinbaren einen Termin für ein Erstgespräch in meiner Praxis. Dort erzählen Sie, was Sie herführt, so viel oder so wenig, wie Sie möchten. Wir klären, ob es zwischen uns passt und wie ein Rahmen aussehen könnte. Danach entscheiden Sie in Ruhe, ob Sie weitergehen möchten. Den Weg zum Erstgespräch finden Sie auf der Kontaktseite.
Häufige Fragen
Ist Einsamkeit ein Grund für Psychotherapie?
Ja. Einsamkeit ist keine psychische Störung, kann aber das Leben erheblich belasten und mit anderen psychischen Belastungen einhergehen. Wenn Sie merken, dass die Einsamkeit über längere Zeit anhält, Sie sich zunehmend zurückziehen oder stark darunter leiden, kann Psychotherapie eine Möglichkeit sein, die Situation genauer zu verstehen und neue Wege im Umgang damit zu entwickeln.
Kann ich mich in einer Beziehung einsam fühlen?
Ja. Auch in einer Partnerschaft kann Einsamkeit entstehen. Entscheidend ist nicht allein, ob ein anderer Mensch da ist, sondern ob Sie Verbundenheit, Nähe und gegenseitiges Interesse erleben und sich mit dem zeigen können, was Sie bewegt. Wenn diese emotionale Verbindung fehlt oder verloren gegangen ist, kann sich Einsamkeit auch innerhalb einer Beziehung entwickeln.
Was kann ich selbst gegen Einsamkeit tun?
Ein erster Schritt kann sein, das Gefühl wahrzunehmen und ernst zu nehmen, statt es aus Scham zu verstecken. Kleine, verlässliche soziale Kontakte können helfen, wieder mehr Verbundenheit zu erleben. Das kann eine regelmäßige Aktivität sein, ein Verein, ein wiederkehrendes Treffen oder der bewusste Kontakt zu einem Menschen, bei dem Sie sich wohlfühlen.
Auch Unterstützung von außen kann sinnvoll sein, etwa im sozialen Umfeld, bei einer Beratungsstelle oder in einem Gespräch mit einer Fachperson. Was für Sie passt, ist sehr persönlich. In der Therapie schauen wir gemeinsam darauf, was Ihnen fehlt und welche Schritte zu Ihrer Situation passen.
Wie lange dauert eine Begleitung bei Einsamkeit?
Das lässt sich vorab nicht seriös sagen. Manche Menschen brauchen wenige Gespräche, um wieder in Bewegung zu kommen. Bei anderen spielen länger bestehende Beziehungserfahrungen oder weitere psychische Belastungen eine Rolle, die mehr Zeit brauchen. Wir überprüfen den Verlauf regelmäßig gemeinsam.
Wo liegen die Grenzen dieser Arbeit?
Meine Praxis ist kein Akut- oder Notfalldienst. Psychotherapeutische Unterstützung kann auch in Krisenzeiten wichtig sein. Wenn Sie sich jedoch in einer akuten psychischen Krise befinden, sich selbst gefährdet sehen oder Suizidgedanken haben, benötigen Sie rasch erreichbare Unterstützung.
Der Sozialpsychiatrische Notdienst des PSD Wien ist rund um die Uhr unter 01 313 30 erreichbar. In einem akuten medizinischen Notfall wählen Sie 144. Weitere Krisen- und Notfallkontakte finden Sie auf der Kontaktseite.
Mag. (FH) Andrea Gärner ist Psychotherapeutin in Fachausbildung unter Lehrsupervision und arbeitet nach der Existenzanalyse von Alfried Längle in ihrer Praxis in Wien. Mehr über sie lesen Sie auf der Seite Über mich.