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Existenzanalyse nach Alfried Längle: wieder in Kontakt mit sich selbst

Eine Einführung in die Existenzanalyse, wie sie Alfried Längle und die GLE in Wien ausgearbeitet haben — was sie ist, wie sie arbeitet, für wen sie sich eignet und was sie nicht leisten kann.

Von Mag. (FH) Andrea Gärner, Psychotherapeutin in Fachausbildung unter Lehrsupervision Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026 Lesezeit ca. 10 Minuten

Was ist Existenzanalyse?

Die Existenzanalyse versteht den Menschen als jemanden, der sein Leben gestalten und dazu Stellung nehmen kann. Im Zentrum steht die Frage, wie ein Leben mit allem, was gerade ist, so gelebt werden kann, dass die Person innerlich zustimmen kann. Das Wort Existenz meint hier nichts Abstraktes. Es meint das konkrete, gelebte Leben mit seinen Beziehungen, Aufgaben, Verlusten und Entscheidungen.

Praktisch bedeutet das: Wir schauen gemeinsam darauf, was Sie gerade erleben, was Ihnen wichtig ist und welche Möglichkeiten in Ihrer Situation tatsächlich bestehen. Nicht, um schnelle Ratschläge zu geben, sondern damit Ihre eigene Wahrnehmung, Ihre Werte und Ihr Handlungsspielraum wieder deutlicher werden.

Der Ausgangspunkt ist häufig eine Form von innerer Entfremdung. Man funktioniert, passt sich an, erfüllt Erwartungen, und spürt gleichzeitig, dass etwas nicht mehr stimmt. Die Existenzanalyse arbeitet daran, diesen inneren Kontakt wieder herzustellen. Sie ist damit eine Psychotherapie, die bei den Menschen selbst ansetzt und nicht bei einem Symptomkatalog.

Was ist der Unterschied zwischen Existenzanalyse und Logotherapie?

Beide Begriffe werden oft gemeinsam genannt, und viele Menschen suchen nach dem Unterschied zwischen Existenzanalyse und Logotherapie. Die Logotherapie ist der ältere Zugang. Sie wurde von Viktor E. Frankl in Wien entwickelt und arbeitet vor allem mit der Frage nach Sinn und Bedeutung: Wofür lohnt es sich, in dieser Situation etwas zu tun oder etwas auszuhalten? Logos steht dabei für Sinn. Die Logotherapie gilt als sinnzentrierte Psychotherapie und beschreibt drei Grundannahmen: die Freiheit des Willens, den Willen zum Sinn und den Sinn im Leben, der in jeder Situation gefunden werden kann. Der Wille zum Sinn ist für Frankl die tiefste Motivation des Menschen. Einfach erklärt: Nicht Lust oder Macht treiben uns zuletzt an, sondern der Wunsch, dass unser Leben für etwas gut ist. Aus dieser Haltung entstanden Methoden wie die paradoxe Intention und die Dereflexion, die bis heute in der Arbeit mit Patientinnen und Patienten eingesetzt werden.

Die Existenzanalyse wurde später breiter ausgearbeitet, vor allem von Alfried Längle. Sie nimmt zusätzlich das gesamte innere Erleben in den Blick: Gefühle, Selbstwert, Beziehungen, Entscheidungen und die eigene Biografie. Grundlage sind die vier Grundfragen, die ich den inneren Kompass nenne: Kann ich sein? Mag ich mein Leben? Darf ich so sein? Wofür möchte ich leben? Der Sinn setzt auf diesem Kompass auf. Erst wenn Halt, Beziehung und Selbstsein tragen, kann sich die Frage nach dem Wofür wirklich stellen. Diese Weiterentwicklung wird als Personale Existenzanalyse bezeichnet.

Frankl hat es in einem Satz gefasst, der bis heute passt: „Mensch sein heißt gefragt sein, Leben heißt Antwort geben.“

Woher kommt die Existenzanalyse?

Die Wurzeln liegen in Wien. Viktor E. Frankl, Neurologe und Psychiater, legte in den 1930er-Jahren mit der Logotherapie den Grundstein. Seine Grundidee: Der Mensch ist mehr als seine Triebe und seine Prägungen. Er ist eine geistige Person, die zu allem, was ihr widerfährt, eine Haltung einnehmen kann. Frankl sprach von der geistigen Dimension als dem eigentlichen Wesen des Menschen. Frankl selbst nannte diese Freiheit die Trotzmacht des Geistes.

Zur heutigen psychotherapeutischen Methode ausgearbeitet wurde die Existenzanalyse ab den 1980er-Jahren maßgeblich von Alfried Längle und der von ihm mitbegründeten GLE-Österreich. In Österreich ist die Existenzanalyse als eigenständiges psychotherapeutisches Fachspezifikum nach dem Psychotherapiegesetz anerkannt. Die Ausbildung erfolgt über die GLE-Österreich mit ihrem Institut in Wien, ergänzt um universitäre Weiterbildungsangebote, etwa an der Universität für Weiterbildung Krems oder in Salzburg.

Wie hat Alfried Längle die Existenzanalyse weiterentwickelt?

Alfried Längle war viele Jahre enger Mitarbeiter Frankls und ging dann einen eigenen Weg. Er fragte nicht nur, wofür ein Mensch lebt, sondern auch, was er braucht, um überhaupt ja zu seinem Leben sagen zu können. Daraus entstand die Personale Existenzanalyse, ein Vorgehen, das das Erleben einer Person sehr genau ernst nimmt: Was hat Sie getroffen? Wie haben Sie es innerlich verstanden? Wozu stehen Sie heute? Und wie möchten Sie sich dazu verhalten?

Längle beschreibt vier Grundmotivationen, die jeden Menschen bewegen und die in der Therapie immer wieder auftauchen:

  • Dasein-Können. Kann ich in dieser Welt sein? Habe ich Raum, Halt und Schutz? Wo das fehlt, entstehen Unsicherheit und Angst.
  • Leben-Mögen. Mag ich mein Leben? Spüre ich Nähe, Wärme und Zeit für das, was mir wertvoll ist? Wo das fehlt, wird das Leben schwer und leer.
  • Selbst-sein-Dürfen. Darf ich so sein, wie ich bin? Erfahre ich Beachtung, Wertschätzung und Gerechtigkeit? Wo das fehlt, geraten Selbstwert und Abgrenzung unter Druck.
  • Sinn-Sollen. Wofür ist es gut, dass ich da bin? Gibt es etwas, das mich ruft und über mich hinausweist? Wo das fehlt, entsteht Leere trotz erfüllter Pflichten.

Diese vier Fragen sind kein Test und keine Reihenfolge, die abgearbeitet wird. Sie helfen mir, genauer zu hören, wo im Leben eines Menschen die Zustimmung fehlt. Das Ziel der Personalen Existenzanalyse ist eine innere Zustimmung zum eigenen Leben: nicht, weil alles gut wäre, sondern weil ich zu dem, was ich tue und wie ich lebe, stehen kann. Ich arbeite in dieser Linie: [[LÄNGLE-FORMULIERUNG]].

Welches Menschenbild steht dahinter?

Der Mensch wird nicht als Summe seiner Symptome oder seiner Vorgeschichte verstanden, sondern als Person, die zu ihrem Leben Stellung nehmen kann. Auch dort, wo Umstände nicht veränderbar sind, bleibt die Frage: Wie möchte ich mich dazu verhalten? Diese Freiheit ist nicht grenzenlos, aber sie ist da, und sie ist das, worauf die Existenzanalyse baut.

Daraus folgt eine bestimmte Haltung in der Therapie. Ich bewerte nicht, was Sie fühlen oder entschieden haben, und ich gebe Ihnen keine Deutung Ihres Lebens vor. Meine Aufgabe ist es, aufmerksam mitzugehen, nachzufragen und dort genauer hinzuschauen, wo etwas übergangen wird. Die Person, die mir gegenübersitzt, ist die Expertin für ihr Leben. Ich bin die Expertin für den Weg, auf dem wir es gemeinsam anschauen.

Wie läuft eine Therapiestunde ab?

Eine Einheit dauert 50 Minuten und findet in vereinbarter Regelmäßigkeit statt, häufig einmal pro Woche. Sie erzählen, was Sie gerade beschäftigt. Ich höre zu, frage nach, und wir schauen gemeinsam, was in dem Erzählten steckt.

Es gibt keine Übungen, die Sie absolvieren müssen, und keine feste Reihenfolge von Themen. Was Sie mitbringen, gibt den Weg vor. Manchmal bleibt eine Stunde bei einem einzigen Satz, manchmal ordnet sich in einer Stunde vieles neu. Mit der Zeit entstehen Fragen, die über den Anlass hinausgehen: Was ist mir wichtig? Wozu stehe ich? Was will ich eigentlich?

Sie brauchen kein vorbereitetes Thema und keine Diagnose. Sie entscheiden, wie viel Sie erzählen und wann. Alles Besprochene unterliegt der Verschwiegenheit.

Wie lange dauert eine Psychotherapie?

Das lässt sich vorab nicht seriös festlegen. Manche Anliegen klären sich in wenigen Monaten, andere brauchen länger, weil sie über viele Jahre gewachsen sind. Entscheidend ist nicht eine Zahl von Stunden, sondern ob sich in der Arbeit etwas bewegt.

Wir überprüfen den Verlauf deshalb regelmäßig gemeinsam: Was hat sich verändert? Was fehlt noch? Und passt die Frequenz noch zu Ihrer Situation? Ein Abschluss wird nicht verordnet, sondern besprochen.

Bei welchen Anliegen kann Existenzanalyse hilfreich sein?

Menschen kommen zu mir, wenn vieles gleichzeitig zu viel wird, wenn eine Entscheidung ansteht, wenn Vertrautes wegfällt, wenn Trauer Raum braucht oder wenn sich in Beziehungen etwas wiederholt, das belastet. Auch Fragen des Älterwerdens und der eigenen Lebensgeschichte haben hier Platz.

Häufig geht es um Zustände, die sich schwer benennen lassen. Etwa, wenn Sie nicht mehr zur Ruhe kommen und ständig unter Strom stehen. Oder wenn die Kraft für den Alltag nicht mehr reicht und alles weitergeht, nur Sie nicht mehr. Manche Menschen fühlen sich einsam, auch wenn sie von Menschen umgeben sind. Andere erleben, dass Angst ihren Alltag bestimmt, dass ein Verlust bleibt und die Trauer keinen Platz findet oder dass die Frage nach dem Wozu nicht mehr verschwindet.

Sie müssen Ihr Anliegen keiner Kategorie zuordnen können. Oft ist zunächst nur spürbar, dass etwas nicht mehr passt. Das genügt für ein erstes Gespräch.

Muss ich mich für Sinnfragen interessieren, damit das passt?

Nein. Die Sinnfrage ist kein Eintrittsticket und kein Gesprächsthema, das ich Ihnen vorgebe. Viele Anliegen sind sehr konkret: Schlaf, Erschöpfung, Konflikte, eine Entscheidung, Trauer.

Wenn dahinter größere Fragen auftauchen, was mir wichtig ist, was ich eigentlich will, was trägt, dann bekommen sie Raum. Wenn nicht, arbeiten wir an dem, was ansteht.

Wie unterscheidet sich Existenzanalyse von anderen Therapieverfahren?

Verhaltenstherapeutische Zugänge arbeiten stark mit konkreten Verhaltens- und Denkmustern und mit strukturierten Übungen. Tiefenpsychologische Zugänge legen den Schwerpunkt auf unbewusste Konflikte und frühe Prägungen. Systemische Zugänge betrachten vor allem Beziehungssysteme.

Die Existenzanalyse fragt zusätzlich nach der persönlichen Stellungnahme: Wie erleben Sie das, was geschieht, und wie möchten Sie sich dazu verhalten? Sie gehört damit zu den humanistischen und phänomenologischen Verfahren, die vom Erleben der Person ausgehen. Kein Zugang ist grundsätzlich besser. Entscheidend ist erfahrungsgemäß vor allem, ob die Beziehung zwischen Ihnen und der Therapeutin trägt.

Was unterscheidet Psychotherapie von Beratung oder Coaching?

Beratung und Coaching arbeiten meist an klar umrissenen Fragestellungen, häufig im beruflichen Kontext, und sind zeitlich eng begrenzt. Psychotherapie ist ein eigenständiges, gesetzlich geregeltes Berufsfeld und richtet sich auch an Menschen mit erheblichem seelischem Leiden.

Wenn im Erstgespräch deutlich wird, dass eine andere Form der Unterstützung passender ist, etwa eine ärztliche Abklärung, eine spezialisierte Einrichtung oder eine Beratungsstelle, sage ich das offen und helfe bei der Orientierung.

Wo liegen die Grenzen dieser Arbeit?

Psychotherapie ist keine Krisenintervention und kein Ersatz für medizinische Behandlung. Bei akuter Suizidalität, schweren Krisen oder Zuständen, die eine ärztliche Abklärung brauchen, sind andere Stellen zuständig und schneller erreichbar.

  • Telefonseelsorge, rund um die Uhr: 142
  • Psychiatrische Soforthilfe Wien: 01 313 30
  • Kriseninterventionszentrum Wien: 01 406 95 95
  • Notruf: 144

Körperliche Beschwerden wie anhaltendes Herzklopfen, Schlaflosigkeit oder Schmerzen gehören zunächst ärztlich abgeklärt. Auch Fragen zu Krankenstand und Medikation liegen in ärztlicher Hand. Psychotherapie kann eine medizinische Behandlung begleiten, aber nicht ersetzen.

Was kostet die Psychotherapie und zahlt die Krankenkasse mit?

Eine Einheit dauert 50 Minuten und kostet 80 EUR. Ich arbeite als Psychotherapeutin in Fachausbildung unter Lehrsupervision. Das bedeutet, dass die Krankenkassen für diese Arbeit keinen Kostenzuschuss leisten. Sie tragen das Honorar als Selbstzahlerin oder Selbstzahler. Dafür gilt: kein Antrag, keine Diagnose in Ihrer Kassenakte und keine Wartezeit auf eine Bewilligung.

Termine können bis 48 Stunden vorher kostenfrei abgesagt werden, da die Zeit für Sie reserviert ist. Alle Details zum Rahmen finden Sie auf der Seite zur Praxis.

Was bedeutet Fachausbildung unter Lehrsupervision?

In Österreich ist die Psychotherapieausbildung gesetzlich geregelt. Nach dem Grundstudium und dem ersten Teil der Fachausbildung dürfen Psychotherapeutinnen in Fachausbildung unter Lehrsupervision eigenverantwortlich mit Klientinnen und Klienten arbeiten. Voraussetzung ist, dass die Arbeit regelmäßig mit einer erfahrenen Lehrtherapeutin oder einem Lehrtherapeuten reflektiert wird.

Für Sie heißt das: Es gibt neben mir eine zweite fachliche Instanz, die auf die Qualität der Arbeit schaut. Ihre Verschwiegenheit bleibt dabei vollständig gewahrt. In der Supervision werden keine Namen und keine Daten genannt, die Rückschlüsse auf Sie zulassen. Die Supervision ist kein Zeichen von Einschränkung, sondern von Sorgfalt.

Wie finde ich heraus, ob es zwischen uns passt?

Im Erstgespräch. Sie lernen mich und meine Arbeitsweise kennen, wir sprechen über Ihr Anliegen, Ihre Erwartungen und den möglichen Rahmen. Danach entscheiden Sie in Ruhe, auch dagegen.

Passung ist kein Detail, sondern die Grundlage dieser Arbeit. Wenn Sie das Gefühl haben, bei jemand anderem besser aufgehoben zu sein, ist das ein gutes und legitimes Ergebnis eines Erstgesprächs. Wer ich bin und wie ich arbeite, lesen Sie auf der Seite über mich. Wenn Sie ein Gespräch vereinbaren möchten, melden Sie sich gerne.

Quellen und Weiterlesen

  • GLE-Österreich: Fachgesellschaft, Ausbildung und Therapeutinnensuche.
  • Alfried Längle: Grundlagentexte zur Personalen Existenzanalyse und zu den vier Grundmotivationen.
  • Viktor E. Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse.
  • Elisabeth Lukas: Lehrbuch der Logotherapie. Menschenbild und Methoden.
  • Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Psychotherapeutinnenliste und rechtliche Grundlagen des Psychotherapiegesetzes.
  • Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie, ÖBVP: Informationen für Klientinnen und Klienten, Rechte und Verschwiegenheit.

Dieser Text dient der Information und ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung. Er wird bei fachlichen Änderungen aktualisiert; die konkreten Quellenlinks werden vor Veröffentlichung ergänzt.

Porträt von Andrea Gärner
Über die Autorin

Mag. (FH) Andrea Gärner ist Psychotherapeutin in Fachausbildung unter Lehrsupervision. Sie arbeitet nach der Existenzanalyse von Alfried Längle und begleitet Sie in ihren Praxen in Wien.

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