Wenn die Frage nach dem Wozu bleibt
Von außen betrachtet scheint vieles in Ordnung zu sein. Sie haben eine Arbeit, vielleicht eine Familie, ein Zuhause, Menschen, die Sie mögen. Und trotzdem stellt sich morgens beim Aufwachen oder abends, wenn es still wird, eine Frage ein, die nicht mehr weggeht: Wozu das alles? Eine Sinnkrise oder Lebenskrise muss nicht plötzlich beginnen. Sie kann sich als leises Gefühl entwickeln, dass das eigene Leben zwar funktioniert, sich aber nicht mehr wirklich wie das eigene anfühlt. Vielleicht fehlt eine Richtung, etwas, worauf Sie sich ausrichten können, oder das Gefühl, mit dem eigenen Leben noch verbunden zu sein.
Die Sinnfrage steht seit Viktor E. Frankl im Zentrum einer psychotherapeutischen Tradition, die in der Existenzanalyse nach Alfried Längle weiterentwickelt wurde.
Wie sich eine Sinnkrise zeigen kann
Sie haben erreicht, was Sie sich vorgenommen hatten, und fühlen sich trotzdem nicht angekommen. Die Freude, die Sie erwartet hatten, ist ausgeblieben.
Jeder Tag gleicht dem vorigen. Sie funktionieren, erledigen, halten durch, und irgendwo dazwischen ist das Gefühl verloren gegangen, dass Sie das alles wirklich wollen.
Eine berufliche Entscheidung steht an, ein Wechsel, ein Angebot oder ein Abschied, und Sie merken, dass Ihre bisherigen Ziele nicht mehr selbstverständlich zu Ihnen passen. Gleichzeitig wissen Sie vielleicht noch nicht, was stattdessen kommen soll.
Sie sind um die 30 und stellen fest, dass die Vorstellungen, die Sie von diesem Lebensalter hatten, nicht mit Ihrem tatsächlichen Leben übereinstimmen. Oder Sie sind in der Lebensmitte und fragen sich, ob das, was bisher getragen hat, auch für die kommenden Jahre noch stimmig ist.
Die Kinder sind aus dem Haus, die Pension beginnt, eine wichtige Aufgabe ist weggefallen oder ein nahestehender Mensch ist nicht mehr da. Eine Rolle, die lange selbstverständlich war, verändert sich oder fällt weg.
Vielleicht sehen Sie andere Menschen, die scheinbar genau wissen, wofür sie leben, und fragen sich, warum Ihnen diese Sicherheit fehlt. Gleichzeitig fällt es schwer zu erklären, was eigentlich nicht stimmt.
Was hinter einer Sinnkrise stehen kann
Von Frankl zur heutigen Existenzanalyse
Viktor E. Frankl ging von der Annahme aus, dass die Suche nach Sinn eine grundlegende menschliche Motivation ist. Er beschrieb auch Zustände von Sinn- und Wertlosigkeit, für die er den Begriff des „existenziellen Vakuums“ verwendete. Dabei geht es um ein Erleben von innerer Leere und fehlender Orientierung.
Alfried Längle hat diesen Ansatz später wesentlich weiterentwickelt. In der heutigen Existenzanalyse beschreibt er vier Grundmotivationen: Kann ich sein? Mag ich leben? Darf ich so sein, wie ich bin? Und schließlich: Wofür soll ich leben beziehungsweise handeln?
Diese vier Bereiche stehen miteinander in Beziehung. Die Sinnfrage bildet dabei die vierte Grundmotivation. Sie hängt unter anderem damit zusammen, ob ein Mensch Möglichkeiten und Aufgaben erkennt, die er als wertvoll erlebt und für die er sich einsetzen möchte.
Wenn Orientierung und innere Zustimmung fehlen
Eine Sinnkrise muss deshalb nicht ausschließlich eine abstrakte Frage nach dem „Sinn des Lebens“ sein. Vielleicht fehlt die innere Zustimmung zu dem, was Sie täglich tun. Vielleicht haben Sie sich lange an Erwartungen anderer orientiert und können die eigenen Wünsche nur noch schwer wahrnehmen. Vielleicht ist ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen, während der nächste noch keine klare Form angenommen hat.
Die Frage nach dem Wozu kann dann darauf hinweisen, dass Orientierung fehlt oder bisherige Werte und Ziele neu betrachtet werden müssen. Sie ist nicht automatisch ein Zeichen für eine psychische Störung.
Begriffe wie Midlife Crisis oder Quarterlife Crisis werden häufig für solche Phasen verwendet. Sie sind jedoch keine eigenständigen psychischen Diagnosen. Lebensübergänge und größere Veränderungen können psychisch belastend sein und in manchen Fällen auch zu einer Lebenskrise führen.
Wann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein kann
Wenn zusätzlich über längere Zeit Niedergeschlagenheit, deutlicher Interessenverlust, Antriebsmangel, Schlafprobleme, Hoffnungslosigkeit oder andere ausgeprägte Beschwerden bestehen, kann auch eine Depression oder eine andere psychische Störung vorliegen.
Eine fachliche Abklärung kann dann sinnvoll sein. Körperliche Ursachen werden ärztlich abgeklärt; psychotherapeutische oder klinisch-psychologische Diagnostik kann ergänzend beziehungsweise parallel stattfinden.
,
Wie wir gemeinsam daran arbeiten können
Ich gebe Ihnen keinen Sinn vor. Eine Antwort, die ich für Sie finden würde, wäre nicht Ihre. In der Existenzanalyse geht es vielmehr darum, die eigene Situation genauer wahrzunehmen und herauszufinden, was Sie persönlich als wertvoll und stimmig erleben können.
Am Anfang kann deshalb das Hinschauen stehen: Was ist in Ihrem Leben gerade so, wie Sie es möchten? Was tun Sie aus eigener Zustimmung, und was tun Sie vor allem, weil es von Ihnen erwartet wird? Wo fühlen Sie sich noch verbunden mit dem, was Sie tun, und wo ist dieser Bezug schwächer geworden?
Solche Fragen müssen nicht sofort beantwortet werden. Im Gespräch können wir ihnen Zeit geben und gemeinsam genauer verstehen, was Sie derzeit bewegt.
Auch Werte können dabei wichtig werden. In der Existenzanalyse sind damit nicht abstrakte moralische Vorstellungen gemeint. Es geht um das, was Sie persönlich berührt, Ihnen wichtig ist und wofür Sie sich einsetzen möchten.
Manchmal wissen Menschen bereits viel darüber, können es aber im Alltag kaum noch wahrnehmen. In der Psychotherapie können wir gemeinsam schauen, was wieder deutlicher werden kann.
Auch anstehende Entscheidungen können Raum bekommen. Eine Sinnkrise muss nicht zu einem großen Umbruch führen. Manchmal entsteht Orientierung durch kleinere Schritte, zu denen Sie innerlich Ja sagen können.
Das kann ein Nein sein, das Sie aussprechen möchten. Ein Ja zu etwas, das Ihnen wichtig ist. Eine Veränderung im Alltag. Oder zunächst die Möglichkeit, eine offene Frage auszuhalten, ohne sofort eine Antwort finden zu müssen.
Wenn Veränderung und Neubeginn Raum brauchen
Nicht jede Sinnfrage entsteht daraus, dass etwas fehlt. Sie kann auch auftauchen, wenn sich das Leben verändert.
Ein Berufswechsel, das Ende einer Beziehung, ein Umzug, der Beginn der Pension, die Geburt eines Kindes oder der Auszug der Kinder können bisherige Selbstverständlichkeiten verändern.
Lebensübergänge können herausfordernd sein, gerade weil das Alte nicht mehr vollständig trägt und das Neue noch keine klare Form angenommen hat. Das österreichische Gesundheitsportal beschreibt solche Übergänge ausdrücklich als mögliche psychische Belastungen und mögliche Ausgangspunkte von Lebenskrisen.
In der Begleitung können wir dieser Zwischenzeit Raum geben.
Was lassen Sie zurück? Was möchten Sie behalten? Was zieht Sie an? Was macht Ihnen Angst oder hält Sie zurück?
Ein Neubeginn braucht nicht immer sofort einen fertigen Plan. Manchmal kann es zunächst darum gehen, deutlicher wahrzunehmen, wozu Sie innerlich stehen können. Daraus können sich weitere Schritte entwickeln.
Wie ein erstes Gespräch ablaufen kann
Sie können sich über das Kontaktformular oder telefonisch bei mir melden. Gemeinsam vereinbaren wir einen Termin für ein Erstgespräch in meiner Praxis. Dort können Sie erzählen, was Sie derzeit beschäftigt, so viel oder so wenig, wie Sie möchten. Gemeinsam können wir klären, ob meine Arbeitsweise zu Ihrem Anliegen passt und welcher Rahmen für Sie sinnvoll sein könnte. Danach können Sie in Ruhe entscheiden, ob Sie weitergehen möchten.
Alles Weitere zu Ablauf und Rahmen finden Sie auf der Kontaktseite.
Häufige Fragen
Ist eine Sinnkrise ein Grund für Psychotherapie?
Ja. Sie benötigen keine psychische Diagnose, um Psychotherapie in Anspruch nehmen zu können. Wenn die Frage nach Orientierung oder Sinn Sie über längere Zeit beschäftigt, Entscheidungen erschwert oder Sie das Gefühl haben, allein nicht weiterzukommen, kann ein psychotherapeutisches Gespräch hilfreich sein.
Ich weiß nicht, ob es eine Sinnkrise oder eine Depression ist. Was dann?
Das müssen Sie nicht selbst unterscheiden können. Eine Sinnkrise und eine Depression sind nicht dasselbe. Gleichzeitig können sich einzelne Erfahrungen überschneiden, etwa Leere, Rückzug oder das Gefühl, dass bisher Wichtiges seine Bedeutung verloren hat.
Wenn solche Beschwerden über längere Zeit bestehen oder deutlich ausgeprägt sind, kann eine fachliche diagnostische Abklärung sinnvoll sein. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Ärztinnen und Ärzte sowie klinische Psychologinnen und Psychologen können dabei unterschiedliche Aspekte abklären. Körperliche Ursachen werden ärztlich untersucht.
Psychotherapie kann parallel dazu stattfinden.
Muss ich mich für Philosophie interessieren?
Nein. Sinn ist in der Existenzanalyse kein philosophisches Thema, das Sie theoretisch beantworten müssen. Es kann sehr konkret darum gehen, was Ihnen wichtig ist, wofür Sie Ihre Zeit und Kraft einsetzen möchten und wozu Sie unter den gegebenen Umständen innerlich stehen können.
Kann Psychotherapie mir sagen, was ich beruflich tun soll?
Nein. Diese Entscheidung bleibt bei Ihnen. Psychotherapie kann Ihnen einen Rahmen bieten, in dem Sie genauer wahrnehmen können, was Ihnen wichtig ist, welche Möglichkeiten Sie haben und was Sie möglicherweise zurückhält.
Gemeinsam können wir diese Fragen sortieren. Entscheiden können und sollen Sie selbst.
Wenn Sie jetzt Unterstützung brauchen
Meine Praxis ist kein Akut- oder Notfalldienst. Wenn aus der Frage nach dem Sinn Gedanken entstehen, nicht mehr leben zu wollen, wenn Sie sich selbst gefährdet sehen oder sich in einer akuten psychischen Krise befinden, können Sie sich unmittelbar an einen Krisen- oder Notfalldienst wenden.
Die aktuellen Telefonnummern und Anlaufstellen in Wien finden Sie auf der Kontaktseite.
Mag. (FH) Andrea Gärner, Psychotherapeutin in Fachausbildung unter Lehrsupervision. Existenzanalyse nach Alfried Längle. Mehr über mich und meine Arbeitsweise können Sie auf der Seite Über mich lesen.